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Die 9 Eskalationsstufen nach Glasl: Wo steht dein Konflikt?
KI-gestützt erstellt, verantwortet von Serdar Thomas Freimoser · Aktualisiert am
Kurz gesagt: Das Stufenmodell von Friedrich Glasl zeigt, wie Konflikte Schritt für Schritt kippen – und welche Art von Hilfe auf welcher Stufe noch trägt.
Kaum ein Streit beginnt mit einem großen Knall. Meistens fängt es mit einer Kleinigkeit an: ein gereizter Ton, eine Bemerkung, die hängen bleibt. Irgendwann merkst du, dass ihr nicht mehr über die Sache sprecht, sondern darüber, wer recht hat – und später darüber, wer der schlechtere Mensch ist. Das Modell von Friedrich Glasl hilft dir, diesen Verlauf zu erkennen, während du mittendrin steckst. Es sagt dir nicht, wer schuld ist. Es zeigt dir, wo ihr gerade steht, und vor allem: welche Art von Lösung auf dieser Stufe noch realistisch ist.
Herkunft: Das Modell stammt von Friedrich Glasl, einem österreichischen Konfliktforscher und Organisationsberater. Er beschreibt darin neun Stufen, auf denen Konflikte eskalieren, gegliedert in drei Ebenen, und hat es in seinem Standardwerk „Konfliktmanagement“ ausgearbeitet.
Die 9 Stufen auf einen Blick
Glasls Modell in Kurzform: neun Stufen, gegliedert in drei Ebenen. Je tiefer ein Konflikt rutscht, desto schwerer finden die Beteiligten allein wieder heraus.
- Stufe 1 – Verhärtung (Ebene 1: beide können gewinnen)
- Stufe 2 – Debatte und Polemik, auch Polarisation genannt (Ebene 1)
- Stufe 3 – Taten statt Worte (Ebene 1)
- Stufe 4 – Sorge um Image und Koalitionen (Ebene 2: einer soll gewinnen)
- Stufe 5 – Gesichtsverlust (Ebene 2)
- Stufe 6 – Drohstrategien (Ebene 2)
- Stufe 7 – Begrenzte Vernichtungsschläge (Ebene 3: beide verlieren)
- Stufe 8 – Zersplitterung (Ebene 3)
- Stufe 9 – Gemeinsam in den Abgrund (Ebene 3)
Wie das Modell aufgebaut ist
Glasl beschreibt neun Stufen, die er in drei Ebenen zusammenfasst. Oft wird das Modell als Treppe dargestellt, die nach unten führt: Mit jeder Stufe geht es tiefer, und jeder Schritt zurück nach oben kostet mehr Kraft als der vorige. Der wichtigste Gedanke dahinter: Auf jeder Ebene verändert sich, was beide Seiten überhaupt noch wollen.
Auf der ersten Ebene wollen beide eine Lösung, von der sie gemeinsam etwas haben (win-win). Auf der zweiten geht es nur noch darum, selbst zu gewinnen, notfalls auf Kosten der anderen Person (win-lose). Auf der dritten nehmen beide sogar eigenen Schaden in Kauf, solange die Gegenseite noch mehr verliert (lose-lose).
Damit du die Stufen greifbar vor Augen hast, begleitet dich ein durchgehendes Beispiel: Mia und ihr Nachbar Herr Berger teilen sich einen Hof. Es geht um Fahrräder, die im Durchgang stehen, und um Musik am Abend. Die Geschichte ist ausgedacht, der Verlauf typisch.
Ebene 1: Beide können noch gewinnen (Stufen 1 bis 3)
Auf dieser Ebene seid ihr noch Gesprächspartner:innen. Es gibt Ärger, aber auch den Wunsch, dass es wieder gut wird. Hier kannst du einen Konflikt in aller Regel noch selbst klären – mit Ich-Botschaften, aktivem Zuhören und einem ruhigen Gespräch zur richtigen Zeit.
- Stufe 1 – Verhärtung: Standpunkte werden fester, die Stimmung ist angespannt. Herr Berger sagt beim dritten Mal genervt: „Die Räder stehen schon wieder im Weg.“ Mia antwortet knapp und ärgert sich den Rest des Tages. Beide glauben noch, dass sich das mit einem Gespräch lösen lässt.
- Stufe 2 – Debatte und Polemik: Es wird argumentiert, um zu gewinnen, nicht um zu verstehen. Mia hält Herrn Berger vor, er stelle selbst ständig Kartons in den Hof. Er kontert, sie habe ja offenbar keine Rücksicht gelernt. Jede Seite sammelt Argumente, Zwischentöne werden spitzer.
- Stufe 3 – Taten statt Worte: Reden scheint sinnlos, also wird gehandelt. Herr Berger stellt die Räder kommentarlos an die Mülltonnen. Mia dreht abends demonstrativ die Musik lauter. Missverständnisse häufen sich, weil nur noch Handlungen gedeutet werden, keine Worte mehr.
Ebene 2: Einer soll gewinnen (Stufen 4 bis 6)
Jetzt geht es nicht mehr um Fahrräder, sondern um Personen. Das Gegenüber wird zum Gegner. Auf dieser Ebene reicht ein Gespräch unter vier Augen meist nicht mehr, weil jedes Wort misstrauisch gedeutet wird. Hilfreich ist eine neutrale dritte Person: eine Moderation, zum Beispiel durch die Hausverwaltung, oder eine professionelle Mediation. In vielen Gemeinden gibt es dafür auch Schiedsstellen oder Nachbarschaftsmediation.
- Stufe 4 – Sorge um Image und Koalitionen: Beide suchen Verbündete. Mia erzählt anderen im Haus, wie kleinlich Herr Berger sei. Er stellt sie bei der Hausverwaltung als rücksichtslos dar. Es bilden sich Lager.
- Stufe 5 – Gesichtsverlust: Die andere Person soll öffentlich bloßgestellt werden. Bei der Eigentümerversammlung wirft Herr Berger Mia vor versammelter Runde Unzuverlässigkeit vor und erwähnt Dinge, die nichts mit dem Hof zu tun haben. Mia fühlt sich gedemütigt. Vertrauen ist jetzt grundlegend beschädigt.
- Stufe 6 – Drohstrategien: Es wird mit Konsequenzen gedroht, um Druck aufzubauen. Ein Zettel an Mias Tür kündigt an, man werde „andere Saiten aufziehen“, wenn sich nichts ändert. Mia droht zurück. Drohungen erzeugen Stress, verengen das Denken und beschleunigen die Eskalation.
Stufe 6 als Wendepunkt: Ab hier geht Sicherheit vor
Sobald Drohungen im Spiel sind, ist das kein gewöhnlicher Alltagskonflikt mehr, den du mit einem guten Gesprächsleitfaden auflösen kannst. Gesprächsskripte sind für die erste Ebene gedacht.
Nimm Drohungen ernst, vor allem wenn sie sich gegen deine Person, deine Familie, dein Eigentum oder deine Sicherheit richten. Bewahre Nachrichten und Zettel auf, notiere Datum und Uhrzeit von Vorfällen und triff dich nicht allein zu einer „Aussprache“, wenn du dich unsicher fühlst. Hol dir Unterstützung: bei der Hausverwaltung, bei einer Beratungsstelle, bei einer Anwältin oder einem Anwalt – und bei akuter Gefahr sofort über den Notruf 110 bei der Polizei.
Ebene 3: Beide verlieren (Stufen 7 bis 9)
Auf der letzten Ebene geht es um Schädigung. Die andere Person wird nicht mehr als Mensch gesehen, sondern als Hindernis. Hier helfen keine Gespräche zwischen den Beteiligten mehr. Nötig sind Eingriffe von außen, die Grenzen durchsetzen und Menschen schützen: Polizei, Gerichte, Schutzanordnungen oder andere Stellen mit Entscheidungsmacht.
- Stufe 7 – Begrenzte Vernichtungsschläge: Es wird gezielt geschadet, und eigene kleinere Verluste werden in Kauf genommen. Im Beispiel würde das bedeuten, dass Eigentum beschädigt oder falsche Beschwerden eingereicht werden. Spätestens jetzt braucht es Hilfe von außen.
- Stufe 8 – Zersplitterung: Ziel ist, das Gegenüber in seiner Existenz zu treffen – seinen Ruf, seine Wohnsituation, sein soziales Umfeld. Die Angriffe werden systematischer und rücksichtsloser.
- Stufe 9 – Gemeinsam in den Abgrund: Die Vernichtung der Gegenseite ist wichtiger als die eigene Sicherheit. Beide Seiten nehmen den eigenen Untergang in Kauf. Hier geht es nur noch um Schutz und das Stoppen der Eskalation durch Stellen, die dazu befugt sind.
Was dir das Modell im Alltag bringt
Der größte Nutzen liegt früh: Wenn du erkennst, dass ihr gerade von Stufe 2 in Stufe 3 rutscht, kannst du bewusst gegensteuern. Das kann heißen, eine Pause vorzuschlagen, das Thema auf die Sache zurückzuholen oder offen zu sagen: „Ich merke, dass wir uns gerade nur noch gegenseitig Vorwürfe machen. Können wir noch mal von vorne anfangen?“
Das Modell schützt dich außerdem vor falschen Erwartungen. Wer auf Stufe 5 hofft, dass ein einzelnes klärendes Gespräch alles löst, wird oft enttäuscht und fühlt sich danach noch schlechter. Zu wissen, welche Art von Hilfe passt, nimmt Druck raus: Es ist kein Versagen, eine Moderation dazuzuholen – es ist eine realistische Einschätzung.
So wendest du es an
- Beschreibe den Konflikt für dich in zwei, drei Sätzen: Worum ging es ursprünglich, und worum geht es heute?
- Gleiche das aktuelle Verhalten mit den Stufen ab. Entscheidend ist, was tatsächlich passiert – zum Beispiel ob schon Verbündete gesucht oder Drohungen ausgesprochen werden.
- Prüfe zuerst deine Sicherheit: Gibt es Drohungen, Einschüchterung oder Angst vor der anderen Person? Dann hol dir Unterstützung, bevor du irgendetwas anderes tust.
- Auf Stufe 1 bis 3: Such das direkte Gespräch zu einem ruhigen Zeitpunkt, sprich über die Sache und deine Bedürfnisse und hör wirklich zu.
- Auf Stufe 4 bis 5: Schlag eine neutrale dritte Person vor, etwa eine Moderation oder Mediation, und verzichte darauf, weitere Verbündete zu sammeln.
- Achte auf deinen eigenen nächsten Schritt: Lass bewusst eine Gegenreaktion aus, auch wenn es dir schwerfällt. Das bremst die Spirale oft wirksamer als jedes Argument.
Beispiel: vorher und nachher
Mia und Herr Berger stehen auf Stufe 3: Die Räder wurden kommentarlos umgestellt, die Musik läuft demonstrativ lauter. Mia trifft ihn zufällig im Hof und will die Sache ansprechen.
Vorher
„Wenn Sie noch einmal meine Sachen anfassen, wird das Konsequenzen haben. Sie machen hier doch sowieso, was Sie wollen.“
Mit der Methode
„Herr Berger, ich merke, dass wir uns gerade nur noch über Aktionen verständigen, und das gefällt mir nicht. Mir ist wichtig, dass meine Räder nicht einfach umgestellt werden. Gleichzeitig verstehe ich, dass der Durchgang frei sein muss. Hätten Sie diese Woche zehn Minuten, damit wir einen festen Platz dafür finden?“
Die erste Version enthält eine Drohung und eine Pauschalabwertung – damit würde Mia den Konflikt selbst Richtung Stufe 6 schieben. Die zweite benennt die Dynamik, drückt ein eigenes Anliegen aus, erkennt das Anliegen des Nachbarn an und macht einen konkreten Vorschlag. So holt sie das Gespräch zurück auf die Sachebene, auf der beide noch gewinnen können.
Typische Fehler
- Die Stufen als Urteil über die andere Person verwenden („Du bist schon auf Stufe 5!“). Das Modell beschreibt eine gemeinsame Dynamik, keine Schuld.
- Auf einer hohen Stufe auf ein einziges klärendes Gespräch setzen und sich danach noch mehr verletzt fühlen, weil es nicht funktioniert hat.
- Drohungen kleinreden, weil man „nur Nachbarn“ oder „nur Kolleg:innen“ ist. Ab Stufe 6 gehört Sicherheit an die erste Stelle.
- Nur auf die andere Seite schauen und den eigenen Anteil übersehen – etwa das Sammeln von Verbündeten oder demonstrative Gegenreaktionen.
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Diese Gesprächspläne nutzen Eskalationsstufen nach Glasl – mit fertigen Formulierungen für deine Situation:
Häufige Fragen
Wer hat die 9 Eskalationsstufen entwickelt?
Das Modell stammt von Friedrich Glasl, einem österreichischen Konfliktforscher und Organisationsberater. Er hat es in seinem Buch „Konfliktmanagement“ ausführlich beschrieben.
Kann ein Konflikt auch wieder eine Stufe zurückgehen?
Ja, aber je tiefer ein Konflikt steht, desto mehr Aufwand braucht die Rückkehr. Auf der ersten Ebene gelingt das oft durch ein ehrliches Gespräch, später meist nur mit Unterstützung einer neutralen dritten Person.
Ab welcher Stufe sollte ich mir Hilfe holen?
Spätestens ab Stufe 4, wenn Lager gebildet werden und das Vertrauen sichtbar bröckelt, lohnt sich eine Moderation oder Mediation. Sobald Drohungen ausgesprochen werden, solltest du dir sofort Unterstützung holen und deine Sicherheit an die erste Stelle setzen.
Gilt das Modell auch für Streit in der Beziehung oder Familie?
Ja, der typische Verlauf lässt sich auch in Partnerschaften, Familien und Freundschaften beobachten. Wenn in einer Beziehung Drohungen, Kontrolle oder Gewalt auftreten, geht es allerdings nicht mehr um einen Konflikt auf Augenhöhe – dann sind Schutz und spezialisierte Beratungsstellen der richtige Weg.
Muss ein Konflikt alle Stufen der Reihe nach durchlaufen?
Nicht zwingend. Das Modell beschreibt einen typischen Verlauf, doch manche Konflikte bleiben lange auf einer Stufe stehen oder springen schnell weiter, etwa nach einer besonders verletzenden Bemerkung.
Wie sieht ein Beispiel am Arbeitsplatz aus?
Zwei Kolleg:innen sind sich über die Aufteilung eines Projekts uneinig (Stufe 1). In Meetings wird nur noch gegeneinander argumentiert (Stufe 2), dann erledigt jede Person ihre Teile, ohne die andere zu informieren (Stufe 3). Sucht eine Seite Verbündete im Team (Stufe 4) und stellt die andere vor der Führungskraft bloß (Stufe 5), ist der Konflikt allein kaum noch zu lösen – spätestens dann helfen Führungskraft, Personalabteilung oder eine Moderation.
Was sind heiße und kalte Konflikte nach Glasl?
Glasl unterscheidet zwei Erscheinungsformen. In heißen Konflikten wird offen und emotional gestritten, beide Seiten suchen die Auseinandersetzung. In kalten Konflikten ziehen sich die Beteiligten zurück, meiden einander und blockieren still – nach außen wirkt alles ruhig, doch der Konflikt schwelt weiter.
Begriffe aus dem Glossar
- Eskalation
- Eskalation beschreibt, wie sich ein Konflikt Schritt für Schritt verschärft: Aus Meinungsverschiedenheiten werden Vorwürfe, dann Abwertung, Drohungen oder Schlimmeres.
- Eskalationsstufen nach Glasl
- Der österreichische Konfliktforscher Friedrich Glasl beschreibt neun Stufen, in denen Konflikte eskalieren – von der Verhärtung der Standpunkte bis zum gemeinsamen Absturz.
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Quellen
Angaben zu Urheber:innen und Jahreszahlen geprüft am 8. Oktober 2026.
Begriffe wie Allparteilichkeit oder Du-Botschaft erklärt kurz das Glossar. Wie unsere Inhalte entstehen: Über Konfliktlotse.